Review Libero, fragile

Die beiden dem Titel einer Komposition von Jan Müller-Wieland entstammenden adjektivischen Bestimmungen „libero“ („frei“) und „fragile“ („zerbrechlich“), mit denen Elisabeth Kufferath ihre CD überschreibt, bezeichnen zwei der hervorstechendsten Qualitäten aller hier versammelten Stücke für Solovioline und Soloviola und verweisen daher auf den roten Faden der Produktion.
Geradezu exemplarisch trifft in Luciano Berios Sequenza VIII für Violine (1976) das scharf akzentuierte, zunächst wie improvisiert wirkende gestische Spiel auf eine flächig entfaltete, dynamisch zurückhaltend gestaltete Klangwelt voller filigraner Flautato-Wirbel, was als Auftakt für eine immer strenger werdende Durchdringung beider Ausdrucksebenen des Vortrags dient.

Das fast zehn Jahre zuvor komponierte Schwesterwerk Sequenza VI für Viola (1967) wiederum ist ein Paradebeispiel dafür, wie Berio seinerzeit den vielerorts zum klanglichen Klischee gewordenen Charakter der Viola als Instrument für instrumentale Klagen einer radikalen Befragung unterzog und durch Forderung energetischen, extrem virtuosen und dem Melodischen sich fast vollständig verweigernden Spiels dekonstruierte.
Indem Kufferath ihre CD mit einer elektrisierenden Gegenüberstellung dieser groß dimensionierten Schlüsselwerke eröffnet, gibt sie die Gangart für den weiteren Verlauf vor. Zunächst folgen Elliott Carters wesentlich knappere Kompositionen Mnemosyné für Violine (2011) und Figment IV für Viola (2007), danach breitet die Interpretin eine Auswahl von neun Miniaturen aus György Kurtágs an unterschiedliche Streicherbesetzungen vom Solisten bis zum Sextett delegierte Sammlung Signs, Games and Messages (1961-2005) vor dem Zuhörer aus. Mit feiner, ständig changierender Klangfarbengebung folgt sie dem Netz von Anspielungen, das der Komponist in diesen Aphorismen ausgeworfen hat, und überzeugt dabei – greifbar etwa in dem der Viola anvertrauten, voller subtiler Glissandi steckenden Parlandostil von In Nomine – all’ongherese, im Klagecharakter des Violinstücks Doloroso oder in den Bartók-Allusionen der tänzerischen Carenza Jig – durch sorgfältig abgestufte und technisch saubere Umsetzung der musikalischen Nuancen.
Den Abschluss der Produktion bilden zwei Kompositionen Jan Müller-Wielands: Dem Violinstück Libero, fragile (2002), getrennt aufführbare Kadenz des Violinkonzerts Ballad of Ariel, folgt das in Bezug auf die Grifftechnik herausfordernde Violastück Himmelfahrt (2002), das der Komponist für Kufferath geschrieben hat. Sein im Booklet zitiertes Diktum, beeinflusst habe ihn dabei „die souveräne Ökonomie, die große Ruhe und Eleganz, zugleich die brillante Technik und die fabelhafte Intonation“ der auf Violine und Viola gleichermaßen versierten Interpretin, kann man denn auch ohne Widerspruch als Gesamturteil für diese außerordentlich spannende Produktion gelten lassen.

Stefan Drees – Das Orchester 2017/09 Page 78